Dr. Angela Jain, Stellvertretende Leiterin der Stabstelle CDO/Smart City in der Berliner Senatskanzlei, auf dem Bundeskongress Nationale Sicherheitspolitik

© Smart City Dialog/Marco Urban

Die Potenziale von Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nutzen

Transformation gestalten – Aufbruch zur urbanen Resilienz“ – so lautete das Thema des 15. Bundeskongresses Nationale Stadtentwicklungspolitik" (NSP), der Mitte September in Berlin stattfand. Auf dem wichtigsten Forum für Stadtentwicklungspolitik in Deutschland trafen sich auch in diesem Jahr wieder Smart-City-Expert:innen aus dem In- und Ausland, um fachliche Impulse zu erhalten und Erfahrungen auszutauschen. Dr. Angela Jain, Stellvertretende Leiterin der Stabstelle CDO/Smart City in der Berliner Senatskanzlei, stellte im Rahmen eines Side-Events zum Modellprogramm Smart Cities des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen zum Thema zukunftsfähige und gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung die Berliner Strategie „Gemeinsam Digital: Berlin“ vor – eine Fusion aus der Berliner Digitalstrategie und der Smart City-Strategie. Im Smart City-Interview erzählt sie mehr darüber und berichtet, welche Anregungen sie vom NSP mitgenommen hat.

Frau Dr. Jain: „Gemeinsam Digital: Berlin“ – der Titel der neuen Berliner Smart-City- und Digitalstrategie klingt vielversprechend. Was charakterisiert die Strategie?

Der Name deutet es bereits an: Charakteristisch für die Berliner Strategie „Gemeinsam Digital: Berlin“ ist ihr partizipativer Ansatz. Das heißt, die Verwaltung hat nicht zuerst ein Strategiepapier vorgelegt, welches anschließend von Bürgeri:nnen oder Stakeholdern kommentiert werden durfte. Vielmehr haben alle Gruppen der Stadtgesellschaft von Anfang an bei der Entwicklung des Dokuments mitgearbeitet. Derzeit holen wir das fachliche Feedback aus der Verwaltung dazu ein. Und Ende dieses Jahres soll die Strategie in den Senat gehen.

Besonders an dem Prozess ist auch, dass die Stadt den Ansatz einer ‚lernenden Strategie‘ verfolgt ...

Korrekt. Wir gehen nicht davon aus, dass die Digitalisierung Berlins in wenigen Jahren abgeschlossen und die Smart City realisiert ist. Daher muss immer wieder geschaut werden: Sind wir auf dem richtigen Weg? Orientiert sich das, was wir tun, an unserem ‚Wertekompass‘, passt es zu unseren Handlungsfeldern und haben die Maßnahmen die erwünschte Wirkung? Das wollen wir regelmäßig analysieren und gegebenenfalls nachsteuern. Eine weitere Besonderheit der Strategie ist übrigens, dass in ihr weniger definiert wird, WAS genau wir tun wollen, sondern vielmehr WIE wir es tun. Das Berliner Smart-City-Verständnis bezeichnet „smart“ als die Art und Weise, wie Herausforderungen kreativ, offen, partizipativ und zweckmäßig angegangen werden. Smart ist eine Stadt wie Berlin dann, wenn Digitalisierung und Technologie gesellschaftlichen Nutzen erzeugen und das demokratische Gemeinwesen stärken.

Auch die Modellprojekte Smart City Wolfsburg und Smart City Bochum präsentierten sich auf dem Panel. Zeichnen sich in Bezug auf die Problemstellungen und/oder den Strategie-Entwicklungsprozess dieser Städte Überschneidungen beziehungsweise Parallelen zu Berlin ab? 

Ein gemeinsames Thema ist zum Beispiel: Wie kommuniziere ich das Thema Smart City nach außen? Wie erzähle ich darüber und zeige, was Smart City ist?  Die Bürger:innen sollen das Thema ja verstehen und es als Beitrag zur Verbesserung ihrer Stadt begreifen. Gleiches gilt für die Kommunikation nach innen, in die Verwaltung hinein. Smart City ist ein sektor- und ressortübergreifendes Thema. Daher muss bei der Umsetzung vieler Smart-City-Projekte der übliche Pfad verlassen und in neuen Konstellationen gearbeitet werden. Das braucht Aktivierung, Vernetzung und Begleitung durch die Smart-City-Verantwortlichen. Sobald in einer Stadt die Smart-City-Strategie entwickelt ist, geht es darum, sie zum Leben zu erwecken. Alle drei Städte stellen sich derzeit die Frage nach der Governance, den Entscheidungsprozessen und auch nach der Rolle der unterschiedlichen Akteur:innen: Politik, Verwaltung, kommunalen Unternehmen, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft – und natürlich den Bürger:innen. Beantwortet werden diese Fragen nicht überall gleich – die Konstellationen müssen zur jeweiligen Stadt passen.

Welches sind die wesentlichen Herausforderungen, mit denen Berlin in puncto Digitalisierung zu kämpfen hat?

In Berlin, ebenso wie in vielen anderen Städten, haben wir vor allem mit der Zusammenarbeit über die Ressortgrenzen hinweg zu kämpfen. In Berlin kommt zu den Fachverwaltungen auf Senatsebene noch die Ebene der Bezirke hinzu. Verwaltung ist hierarchisch organisiert. Für Smart-City- oder auch Digitalisierungsprojekte braucht es aber eher Netzwerkstrukturen, also Teams aus manchmal ganz unterschiedlichen Bereichen. Das ist in der Verwaltung erst einmal nicht vorgesehen und ruft Widerstände und praktische Hürden hervor. Ein weiterer Grund, warum Digitalisierung – oder vielmehr die digitale Transformation – so langsam läuft ist, dass zu Beginn eines Vorhabens oft ein unzureichendes Problemverständnis und zu wenig Offenheit für unterschiedliche, auch neue Lösungsoptionen existieren. Allzu schnell wird an eine ganz bestimmte Lösung gedacht, statt zu überlegen welche der vorhandenen Möglichkeiten das Problem am besten und nachhaltigsten löst.

Und schließlich: Für die erfolgreiche Umsetzung der Strategie wollen und sollten wir viel gezielter und frühzeitiger als bisher die Perspektive der Nutzenden einbeziehen – beispielsweise in die Entwicklung von Lösungen oder Anwendungen. Wir erhoffen uns, dass digitale Dienstleistungen dadurch von vorneherein anwendungsfreundlicher werden. Häufig wird dieser Aspekt unter dem Druck der schnellen Digitalisierung von Bürgerdiensten vernachlässigt.

Die Einbeziehung unterschiedlichster Akteur:innen der Stadtgesellschaft in Form von Workshops und digitalen Beteiligungsformaten ist ja, wie anfangs bereits erwähnt, ein Kernansatz der Berliner Strategieentwicklung. Inwiefern hat der Prozess bisher davon profitieren können?

Für den Aufbau einer smarten Stadt, die dem Gemeinwohl verpflichtet ist und die Lebensqualität verbessern möchte, ist es wichtig zu wissen, welche Bedarfe die Bürger:innen haben und welche Verbesserungen oder neuen Lösungen sie vorschlagen. Das heißt natürlich nicht, dass alle Ideen und Wünsche auch umgesetzt werden müssen, denn es sind ja beispielsweise auch Nachhaltigkeits- oder Umweltaspekte zu berücksichtigen. Da aber die Bürger:innen aus der Alltagserfahrung heraus wissen, wo Verbesserungsbedarf besteht, haben sie oft sehr konkrete und praktische Vorschläge. Beispielsweise hinsichtlich der Verständlichkeit und einer intuitiveren Nutzerführung bei Antragsformularen. Wertvolle Hinweise kamen in unserem Strategieprozess auch von der Wirtschaft, die noch einen ganz anderen Blick auf die Stadt und auf die Zusammenarbeit mit der Verwaltung hat. Viele Unternehmen in Berlin bieten bereits gute Lösungen im Bereich Smart City an und möchten die Transformation der Stadt unterstützen, ebenso wie die Wissenschaft. Aus meiner Sicht muss die Verwaltung nicht alle Probleme aus eigener Kraft bewältigen; sie kann vielmehr die vorhandenen Potenziale von Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nutzen.

„Smart Space Hardenbergplatz“, „Smart Water“ – das sind zwei exemplarische Berliner Pilotprojekte, in denen Lösungsansätze der Smart City Berlin protoptypisch ausgearbeitet und zur Testreife gebracht werden sollen. Wann und mit wem werden diese Projekte in die Umsetzung gehen? 

Der Hardenbergplatz am Berliner Bahnhof Zoo ist ein typischer Bahnhofsvorplatz mit hoher Nutzungsdichte. Mit dem Pilotprojekt „Smart Space Hardenbergplatz“ soll der Ort smart und flexibel nutzbar gemacht werden – event-, tages-, wetter-, und jahreszeitabhängig. Dafür braucht es neue Formen der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Akteur:innen, etwa zwischen der Deutschen Bahn, den Berliner Verkehrsbetrieben und dem Bezirk. Mithilfe eines Betreibermodells und einer digitalen Verhandlungsplattform werden Nutzungsbedarfe, beispielsweise Sharing-Mobility-Angebote, für Teilflächen abgestimmt. Es geht darum, die konkreten Mobilitätsbedarfe zu berücksichtigen, aber auch die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Das Projekt ist bereits gestartet und erste Konzepte werden entwickelt. Verantwortlich ist der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in Zusammenarbeit mit vielen weiteren Akteuren.

Und welchen Ansatz verfolgt das Pilotprojekt „Smart Water“?

Das Zusammendenken von blauen und grünen Infrastrukturen und weiteren Planungsaspekten, wie der Straßenplanung, kann Klimafolgen deutlich abmildern und zusätzliche Qualitäten in die Stadt bringen. Das Projekt Smart Water soll durch vorausschauende Nutzung, beziehungsweise durch Bewirtschaftung von Regenwasser, eine klimagerechtere Stadtplanung ermöglichen. Es geht darum, Gewässerbelastung, Hitzeinseln und Überflutungsschwerpunkte gezielt abzuschwächen. Weiterhin sollen die Anwohner:innen durch (Daten-) Visualisierungen für die Potenziale der Regenwassernutzung, für den Gewässerschutz und für mehr Grün im Stadtbild sensibilisiert werden. Verantwortlich für das in Kürze startende Projekt ist das Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB) in Kooperation mit den Berliner Wasserbetrieben, der Berliner Regenwasseragentur und der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz sowie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.

Welche Anregungen haben Sie persönlich aus dem Bundeskongress mitnehmen können?

Aktuell haben wir viele Krisen zeitgleich zu bewältigen; die Herausforderungen für Städte sind vielfältig und komplex. Die Botschaften, die ich herausgehört habe, waren zum einen: Es ist ernst. Zum anderen war auch ein fester Willen erkennbar, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen und nichts weiter zu vertagen. An Wissen, guten Lösungen oder Technologien mangelt es zumeist nicht. Fast alle Städte haben aber noch Verbesserungspotenzial, wenn es um die Gestaltung und das Management der Prozesse geht: von der Problemanalyse über die Entscheidungsfindung bis hin zum Ausprobieren, Lernen und Verbessern. Transformation ist ein anhaltender Prozess. Und gerade weil sich Dinge so schnell verändern, müssen wir uns die Zeit nehmen, immer wieder kurz innezuhalten und zu reflektieren, aus Erfahrungen zu lernen und vorauszuschauen – um zu sehen, was am Horizont auf uns zukommt. Hierbei kann uns etwa die Visualisierung von städtischen Daten unterstützen – indem sie Zusammenhänge sichtbar macht. Ebenso wichtig ist es aber, die Fähigkeiten unterschiedlicher Akteur:innen zu nutzen und voneinander zu lernen. Dafür bieten Kongresse wie der Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik eine perfekte Gelegenheit! (vdo)