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„Wir wollen bedarfsgerechte Lösungen für alle Kommunen in Deutschland aufzeigen“

Seit September 2021 gibt es die Koordinierungs- und Transferstelle (KTS) Smart Cities. Das vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) initiierte Konsortium soll den Fach- und Erfahrungsaustausch zwischen den 73 Städten und Kommunen ausbauen und stärken, die im Rahmen des BMI-Programms Modellprojekte Smart Cities (MPSC) gefördert werden. 

Die Transformation von Städten und Gemeinden zu einer sogenannten Smart City berührt sämtliche Lebensbereiche. Die Kommunen benötigen strategische Kapazitäten, Ideen und den Erfahrungsaustausch, um „Stadt“ neu zu denken. Daher fördert das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat seit 2019 mit einem Gesamtvolumen von 820 Millionen Euro die „Modellprojekte Smart Cities“, die bis 2030 Smart-City-Konzepte erarbeiten und erproben. Die insgesamt 73 geförderten Projekte von Städten, Kreisen, Gemeinden oder Regionalverbünden gliedern sich dabei in eine Strategie- und eine Umsetzungsphase.

Allen Ideen ist gemein, dass sie modellhaft und skalierbar sind. Das heißt, das gewonnene Praxiswissen soll in die Breite getragen und auch allen nicht geförderten Kommunen zugänglich gemacht werden. Um diese Aufgabe zu bewältigen, werden die Modellprojekte seit September 2021 von einer Koordinierungs- und Transferstelle Modellprojekte Smart Cities unterstützt, die als vernetzte Organisation „deutschlandweit vor Ort“ ist. Die Projektleitung liegt beim Projektträger des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR-PT) in Bonn. Ein Projektbüro in Berlin und Bonn, das vom DLR-PT koordiniert wird, bildet die Anlaufstelle für die MPSC. Weitere Berliner Institutionen und Agenturen arbeiten zusammen mit dem DLR-PT im Konsortium der KTS. 

Mehr über die inhaltlichen Schwerpunkte, die Zielsetzung und den Mehrwert der KTS für die geförderten Städte und Kommunen erzählen Michael Huch, Leiter des MPSC-Projektbüros beim DLR-PT, Dr. Nadine Kuhla von Bergmann, Geschäftsführerin von Creative Climate Cities (CCC) und Dr. Jens Libbe, Leiter des Forschungsbereichs „Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen“ am Deutschen Institut für Urbanistik (difu) im Interview.
 

Herr Huch, wo für steht die KTS und welche Aufgaben wird sie künftig abdecken?

Michael Huch: Als zentrale Anlaufstelle ist es unser Ziel, Smart Cities gemeinsam zu gestalten. Die neue Koordinierungs- und Transferstelle (KTS) Modellprojekte Smart Cities möchte dafür einen Mehrwert für alle Kommunen in Deutschland schaffen. Wie uns das gelingen kann? Wir arbeiten als KTS interdisziplinär und vereinen in unserem Konsortium unterschiedliche Denkschulen, Kompetenzen und Erfahrungshintergründe unter anderem aus den Bereichen Stadtentwicklung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Im Zentrum unserer Arbeit als KTS stehen der gemeinsame Erfahrungsaustausch und der nachhaltige Wissenstransfer, damit künftig alle Kommunen in Deutschland von dem gewonnenen Wissen profitieren können.

Welche Schwerpunkte sollen und müssen dafür gesetzt werden?

Dr. Nadine Kuhla von Bergmann: Die Arbeit der KTS hat zwei Stoßrichtungen: Sie begleitet einerseits die 73 Modellprojekte in Deutschland fachlich bei der Erprobung und Umsetzung ihrer Smart-City-Strategien. Hier möchten wir die Akteur:innen vor Ort befähigen und sie in ihren modellhaften Prozessen stärken. Andererseits richtet unsere Arbeit ihren Blick auf alle Kommunen in Deutschland, um den Erfahrungsaustausch zwischen den Modellprojekten und allen interessierten Kommunen in Deutschland sowie international anzukurbeln und das gewonnene Praxis- und Fachwissen in die Breite zu tragen. Das soll insbesondere auch Kommunen mit wenig Smart-City-Erfahrung dazu motivieren, eigene Digitalisierungsstrategien zu entwickeln und zu implementieren.

Wie wird die Arbeit im Konsortium organisiert?

Dr. Jens Libbe: Wir sind ein Konsortium aus zwölf größeren und kleineren Einrichtungen. Einige von uns forschen, andere agieren vor Ort. Der eine verfügt also über wertvolle praktische Erfahrung, die andere über die nötige theoretische Expertise. Darin spiegelt sich die Breite der Smart-City-Thematik: Sie ist umfassend und bereichsübergreifend, weil hier Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Verwaltung, Stadtplanung und weitere Aspekte ineinandergreifen. Daher braucht es die erwähnte Interdisziplinarität des Konsortiums, von der auch wir untereinander profitieren und lernen. Dafür stimmen wir uns in unterschiedlichen Gremien ab und übernehmen Aufgaben entsprechend unserer Expertise.

Michael Huch: Wenn man so will, erproben wir als KTS-Partner also im Kleinen den Erfahrungsaustausch, den wir den deutschen Kommunen im Großen zugänglich machen wollen.

Mit welcher Expertise bringen Sie sich in die KTS ein? 

Michael Huch: Als langjähriger Projektkoordinator und Leiter des MPSC-Projektbüros ist es für mich persönlich und für uns als DLR-Projektträger insgesamt wahnsinnig spannend, ein solch umfassendes Vorhaben zu koordinieren. Hier können wir unsere Kompetenzen und Erfahrungen wie das Management von Geschäftsstellen, die Politik- und Wissenschaftskommunikation sowie die Begleitung von Projekten und Programmen einbringen. Und das machen wir sehr gern!

Dr. Jens Libbe: Als Leiter des Forschungsbereichs „Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen“ am Deutschen Institut für Urbanistik liegen meine Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Zukunftsstadt und urbane Transformation. Das heißt, dass ich mich mit Infrastruktursystemen und Digitalisierung, kommunaler Daseinsvorsorge und Dienstleistungen von allgemeinem wirtschaftlichem Interesse befasse. In der KTS ist das difu für die Begleitforschung, die Beratung der Modellprojekte sowie für ihre Vernetzung zuständig.

Dr. Nadine Kuhla von Bergmann: „Creative Climate Cities“, kurz CCC, ist eine Agentur für digitale Stadtentwicklung. Wir beraten kommunale und private Unternehmen sowie Ministerien und Verbände bei urbanen Transformationsprozessen. Dafür nutzen wir Prozessdesign, visuelle und digitale Kommunikationsmittel und Formate des Wissenstransfers. Unser besonderes Interesse gilt dem urbanen Klimaschutz und der nachhaltigen, ressourceneffizienten Stadtentwicklung auf Basis von Digitalisierung. Im KTS-Konsortium verantworten wir den Wissenstransfer und die fachliche Begleitung mit und informieren beispielweise über KPI-Rahmenpläne, Governance-Modelle und Teilhabe-Strategien.

Welchen Zusatznutzen bietet die KTS Kommunen und Städten?

Dr. Nadine Kuhla von Bergmann: Wir wollen bedarfsgerechte Smart-City-Lösungen für alle Kommunen in Deutschland aufzeigen und das Netzwerk der Modellprojekte Smart Cities zu einem selbstlernenden System ausbauen. Konkret werden wir neu gewonnenes und bestehendes Fachwissen in themenspezifischen Transferworkshops, Entwicklungsgemeinschaften und Kongressen vermitteln, die wir mit den Modellprojekten und anderen Kommunen organisieren.

Michael Huch: Daneben werten wir die erzielten Ergebnisse wissenschaftlich aus und leiten daraus fundierte, nachhaltige Erkenntnisse für die kommunale Praxis ab. Ich bin überzeugt, dass die Arbeit der KTS deshalb schon bald an vielen Stellen konkret wahrgenommen werden wird und wir zur weiteren aktiven Vernetzung der Städte und Kommunen in Deutschland und womöglich auch auf europäischer Ebene beitragen.

Inwiefern können die beteiligten Städte und Kommunen voneinander lernen? Und gibt es bereits Best PracticeBeispiele für Wissenstransfer und Vernetzung?

Dr. Jens Libbe: Unsere Erfahrung ist, dass es schon eine Vielzahl an regionalen Kooperationen gibt. Die Akteur:innen vor Ort wollen sich austauschen und vernetzen. Zugleich spüren wir auch die Bereitschaft, erfolgreiche Maßnahmen und erzielte Meilensteine miteinander zu teilen und Chancen und Risiken zu diskutieren. Ich denke, das hängt auch mit der geschilderten Bandbreite der Themen „Stadtentwicklung“ und „Digitalisierung“ zusammen. Unsere Aufgabe ist es nun, die regionalen Initiativen auf eine bundesweite Ebene zu heben, um diejenigen zusammenzubringen, die ähnliche Interessen verfolgen.

Welches sind die dringendsten Fragestellungen, mit denen sich alle Modellprojekte auseinandersetzen müssen?

Dr. Nadine Kuhla von Bergmann: Diese Frage ist weder leicht, noch pauschal zu beantworten, denn jede Kommune hat sich sehr individuellen Herausforderungen zu stellen. Elementare Fragen sind aber sicherlich: Wie gestalte ich eine für meine Kommune passgenaue Digitalisierungsstrategie, die den Erwartungen an eine sozialgerechte Stadtentwicklung entspricht? Oder wie stelle ich mich den dringenden Herausforderungen seitens des Klimawandels oder demografischer Veränderungen? Die Chancen, die der digitale Wandel hier bietet, sind enorm – das wissen wir. Aber Digitalisierung muss und sollte im Sinne einer nachhaltigen und integrierten Stadtentwicklung zum Einsatz kommen und dabei einen ganzheitlichen, strategischen Ansatz verfolgen: Ganz im Sinne der europäischen Stadt – egal ob digital oder analog.

Können sich interessierte Kommunen, die keine Modellprojekte sind, ebenfalls an die KTS wenden?

Dr. Jens Libbe: Unbedingt sogar! Das ist ja wie erwähnt unser erklärtes Ziel – und das Ziel des Bundes. Die Erfahrungen, die die Modellprojekte jetzt sammeln, sollen ja auch auf andere Städte und Gemeinden übertragbar sein. Wenn Sie sich also über eine Maßnahme eines Modellprojekts näher informieren wollen, die auch für Sie in Ihrer Kommune interessant sein könnte, dann ist die KTS Ihr Anknüpfungspunkt. Wir stellen den Kontakt her, versorgen Sie mit Informationen und unterstützen Sie im weiteren Verlauf.

Wie und wo wird die KTS sichtbar?

Dr. Nadine Kuhla von Bergmann: Die KTS wird ab 2022 insbesondere durch ihr Veranstaltungs- und Akademieprogramm sichtbar. Darüber hinaus planen und organisieren wir bereits nationale und regionale Veranstaltungen zur themenspezifischen Vernetzung, die die Sichtbarkeit und den Austausch mit den Smart Cities stärken werden.

Michael Huch: Flankiert werden diese beiden Säulen durch unsere Begleitforschung und eine gezielte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. So können wir anhand wissenschaftlicher Ergebnisse und konkreter Beispiele den Erfolg bestimmter Maßnahmen sowohl der Smart-City-Community als auch der breiten Öffentlichkeit aufzeigen – seien es Smart-City-Ansätze im Klimaschutz oder bei der Mobilität. Dafür wird die KTS den Verantwortlichen vor Ort digitale und analoge Räume für die Zusammenarbeit zur Verfügung stellen, in denen sie gemeinsam urbane Datenplattformen oder maßgeschneiderte Open-Source-Lösungen anhand modellhafter Praxisbeispiele entwickeln können.

Bitte ergänzen Sie diesen Satz: Deutsche Kommunen sind smart, weil …

Dr. Nadine Kuhla von Bergmann: … sie erkannt haben, urbane Systeme wie Mobilität, Energie und Wasser nicht länger getrennt zu denken und zu planen, sondern miteinander zu verbinden. Bei der Entwicklung von digitalen Anwendungen und Plattformen vernetzen sie sich in Entwicklungsgemeinschaften und gestalten komplementäre und offene Systeme und Schnittstellen. Sie nutzen die Digitalisierung dazu, ein selbstlernendes Stadtsystem im Sinne aller aufzubauen.

Dr. Jens Libbe: … sie zugleich wissen, dass die intelligente Stadt keine Frage der Technik und Digitalisierung allein ist. Sie muss auch in den Köpfen der Menschen ankommen. Transparenz, Teilhabe und Mitgestaltung erachten smarte Städte daher als zentrale Elemente der urbanen Zukunft. Denn alles steht und fällt damit, ob Digitalisierung in den Diensten der Bevölkerung erfolgt.

Michael Huch: … sie das Leben der Menschen erleichtern und die Lebensqualität generell steigern, mithilfe intelligenter Vernetzung – digital wie analog.