v. li. n.re: Prof. Dr. Florian Koch, Prof. Dr.-Ing. Thomas Schwotzer, Prof. Dr. Katja Ninnemann)

(v.li.n.re: Prof. Dr. Florian Koch, Prof. Dr.-Ing. Thomas Schwotzer, Prof. Dr. Katja Ninnemann), Foto: HTW Berlin

„Wir erhoffen uns viele spannende Projekte“

Um Ideen und Lösungen für smarte Gebäude, smarte Quartiere und smarte Städte geht es in dem neuen Forschungscluster „Sustainable Smart Cities" der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin). Das Cluster soll unterschiedliche Forschungsthemen der Hochschule bündeln und den interdisziplinären Austausch über Fächergrenzen hinweg vereinfachen und fördern. Mehr über das im Mai 2021 eingerichteten Forschungsnetzwerk erzählen die Cluster-Sprecher:innen Prof. Dr. Florian Koch, Experte für Immobilienwirtschaft, Smart Cities und Stadtentwicklung, Prof. Dr.-Ing. Thomas Schwotzer vom Fachbereich Angewandte Informatik und Prof. Dr. Katja Ninnemann, Expertin für Gestaltungspraktiken und -prozesse hybrider Lern- und Arbeitsumgebungen an der HTW Berlin

Ingenieur- und wirtschaftswissenschaftliche Fachbereiche sind ebenso in das neue Forschungscluster eingebunden wie Bau, Informatik und Logistik oder das Industriedesign. Zielsetzung der HTW Berlin ist es, über das Cluster „Sustainable Smart Cities“ eine Plattform für verschiedene Forschungs-, Lehr- und Praxisprojekte rund um das aktuelle Thema zu schaffen. Außerdem will sich die Hochschule über anwendungsorientierte Projekte stärker mit externen Stakeholdern wie Unternehmen, Citizen Scientists, NGOs und Politik vernetzen. Das Cluster soll somit zum nationalen und internationalen Diskurs um nachhaltige und smarte Städte beitragen – und damit auch die Entwicklung Berlins zur Smart City weiter vorantreiben. Voraussetzung für die Anerkennung als Forschungscluster durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist der Nachweis besonderer Forschungsexpertise und wissenschaftlicher Leistungen sowie eine gemeinsame Forschungsagenda der beteiligten Fachbereiche. 

Herr Prof. Koch, was macht das Cluster „Sustainable Smart City“ besonders?

Florian Koch: Neben der interdisziplinären Verbindung unterschiedlicher Fachdisziplinen zeichnen drei weitere Aspekte das Cluster aus: Zum einen haben viele der Projekte einen Anwendungsbezug in Forschung, Lehre und Praxis und werden in Kooperation mit Politik, Verwaltung, Unternehmen und Zivilgesellschaft durchgeführt. Dabei spielen Begriffe wie Co-Design, Beteiligungsverfahren und Experimente eine große Rolle. Außerdem wollen wir mit dem Forschungscluster den Campus Wilhelminenhof der HTW Berlin zu einem Reallabor entwickeln: zum offenen Experimentierfeld in der Stadt. Es geht uns darum, technische und soziale Innovationen gemeinsam mit differenzierten Akteur:innen zu erproben, zu erforschen und zu diskutieren. Und last but not least wollen wir die Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und Smart Cities hervorheben und stärken. Das Thema Smart City ist in den letzten Jahren in vielen Städten diskutiert worden und gewinnt auch in Berlin durch die BMI-Förderung „Modellprojekte Smart Cities“ und die Entwicklung einer neuen Smart City Strategie an Fahrt.   

Stichwort „Reallabor“ für Smart Cities: Gibt es bereits konkrete Ideen und Projekte, an denen Sie auf dem  Campus der HTW Berlin arbeiten?

Katja Ninnemann: Viele der Projekte des Clusters Sustainable Smart Cities können am Campus Wilhelminenhof konkret umgesetzt und ausprobiert werden. Im Sinne der Reallabor-Forschung soll der Einsatz neuer Technologien und sozialer Praktiken in Echtzeit getestet und so neue Erkenntnisse zum Thema gewonnen werden. Beispielsweise wurden bereits neue Lehr- und Lernumgebungen für die Studierenden geschaffen, Sensoren zur Messung der Umweltbelastungen eingesetzt – und es sollen Konzepte für die Mehrfachnutzung von Flächen am Campus sowie im umliegenden Stadtteil Oberschöneweide entwickelt werden. 

Thomas Schwotzer: Wir fangen auch nicht bei Null an. Beispielsweise hat uns eines der großen Telekommunikationsunternehmen eine LTE-Funkzelle geschenkt, mit der wir auf dem Campus an LTE/5G experimentieren können. Und wir haben das ehemalige Einsatzleitfahrzeug der Berliner Feuerwehr auf dem Campus, in dem wir an realer Technik an neuen Lösungen arbeiten.

Inwiefern kann die Smart City Berlin – und damit auch die Stadtgesellschaft – von dem  Forschungscluster profitieren?

Katja Ninnemann: Mit der Anwendungsorientierung des Clusters wollen wir einen praktischen Mehrwert für Berlin und seine Bewohner:innen schaffen. So werden im Rahmen eines Clusterprojekts beispielsweise Sensoren entwickelt und getestet, die zu einer besseren Steuerung des Stadtverkehrs beitragen sollen. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit Citylogistik und dem Einsatz neuer Transportmittel für Paketdienste. Künftig wollen wir unter anderen im Reallabor am Wilhelminenhof unsere Forschung noch zugänglicher machen und gemeinsam mit Studierenden und den Berliner:innen über den Einsatz entsprechender Smart-City-Technologien diskutieren  

Thomas Schwotzer: Der Campus soll als offenes Labor verstanden werden, auf dem auch Externe arbeiten können. Wir denken da etwa an Start-ups, die vielleicht Werkzeuge, ein Testfeld und interessierte Studierende suchen – und natürlich die Expertise der Professor:innen. Wir können einem Incubator-Gedanken folgen, sind aber natürlich auch offen für Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Wir sind Testfeld und ein Ort für Diskussionen zugleich.

Wird das Cluster auch in den Berliner Smart City-Strategieprozess eingebunden sein?

Florian Koch: Ein Mitglied des Clusters, Prof. Dr. Olga Willner, hat zugleich einen Sitz im Strategiebeirat der Smart City Berlin. Andere Mitglieder haben am Beteiligungsprozess zur neuen Smart City-Strategie teilgenommen. Für den weiteren Strategieprozess und vor allem die weitere Umsetzung der Strategie stehen das Cluster sowie die einzelnen Mitglieder gern zur Verfügung.

Arbeitet das Cluster auch mit anderen Hochschulen in zusammen?

Florian Koch: Im Rahmen der einzelnen Projekte des Clusters bestehen Kooperationen zu anderen Hochschulen, unter anderem mit der Technischen Universität Wien, der Königlichen Technischen Hochschule Stockholm (KTH) oder der Universität von Sheffield. Auch mit Berliner Hochschulen, wie der Berliner Hochschule für Technik (BHT), der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) oder der Technischen Universität Berlin (TU Berlin), arbeiten wir eng zusammen. Die Kontakte zu anderen interdisziplinären Zusammenschlüssen im Bereich der nachhaltigen Stadtforschung, etwa der Stadtmanufaktur der TU Berlin oder dem Urban Studies Center der Universität Glasgow, sollen weiter ausgebaut werden.

Gibt es im Rahmen des Clusters bereits konkrete interdisziplinäre Forschungsprojekte?

Katja Ninnemann: Ja, die gibt es. Zum Beispiel das Projekt SpreeX, in dessen Rahmen Konzepte für die Energie- und Flächeneffizienz des Campus Wilhelminenhof erstellt werden, und in dem Architekt:innen, Sozialwissenschaftler:innen und Ingenieur:innen zusammenarbeiten. Weiterhin sind viele Clustermitglieder im Bereich der interdisziplinären Lehre tätig und haben Lehrangebote zum Thema Sustainable Smart Cities für verschiedene Studiengänge angeboten. 

Thomas Schwotzer: Wir haben unter anderem das Allgemeinwissenschaftliche Ergänzungsmodul „Reallabor“ im Fachbereich Informatik, Kommunikation und Wirtschaft neu etabliert. Es wird bereits im ersten Semester sehr gut angenommen. Dort geht es um Permakultur und Sensortechnik. Die Arbeiten finden in Zusammenarbeit mit Wohnungsunternehmen statt.

Was erhoffen Sie sich persönlich von der interdisziplinären Arbeit im Cluster?

Thomas Schwotzer: Interdisziplinäre Lehre und Forschung haben mehrere Effekte: Studierende verschiedener Fachgebiete arbeiten gemeinsam an Projekten der Zukunft. Damit arbeiten auch die Dozent:innen gemeinsam und kommen ins Gespräch. Wir verfolgen den Plan, den Campus „smarter“ zu machen. Somit kommen wir in einen engeren Austausch über die Grenzen der Fachbereiche hinweg und schaffen Synergien.

Katja Ninnemann: Mit der Etablierung des Reallabors HTW Campus und der damit verbundenen intensiven Nutzung von Infrastrukturen und Netzwerken der Hochschule in den unterschiedlichsten Themenbereichen verknüpfen wir die Erwartung, dass neue, spannende und vor allem relevante Fragestellungen im Kontext der Angewandten Forschung entstehen. So können aus der Kraft einer fachübergreifenden Zusammenarbeit innovative und nachhaltige Produkte, Services, Anwendungen und Dienstleistungen entwickelt werden, die unsere Lebens-, Lern- und Arbeitswelten bereichern. 

Florian Koch: Letztlich soll durch das Cluster der etwas schwammige und blumige Begriff der „Sustainable Smart City“ mit Leben gefüllt werden. Wir erhoffen uns viele spannende Projekte, die durch das Cluster initiiert und begleitet werden und über die wir einen Beitrag dazu leisten können, Berlin nachhaltiger und smarter zu machen. (vdo)