Tablet und Notebook auf Schreibtisch, Smart City Berlin

Foto: Arthur Lambillotte on Unsplash

Lernort der Zukunft

Die Schule der Zukunft ist smart, digital und nachhaltig. Sie ist eng vernetzt mit ihrem Umfeld: benachbarten Lernangeboten wie Kitas, Museen oder Freizeiteinrichtungen. Und sie bezieht auch Verwaltungen und interessierte Unternehmen mit ein. Noch existiert eine solche Smarte Schule in Berlin nicht, aber sie entsteht. Mit Vorbildcharakter für andere Schulen. 

Im Frühjahr 2021 war es so weit: Das InfraLab Berlin und die Berliner Energieagentur (BEA) erarbeiteten zusammen mit Schüler:innen, Lehrpersonal und externen Expert:innen während eines zweitägigen digitalen Design-Thinking-Workshops Ideen für die „Smarte Schule“. Als sogenannte Prototypen werden diese Ansätze in den Lernort der Zukunft einfließen, in dem nicht nur die Unterrichtsinhalte nachhaltig und vernetzt sind, sondern auch die Ausstattung, das Ressourcenmanagement und das Umfeld. 

Ihren Anfang nahm die Projektidee bereits 2017 im Rahmen des Strategiedialogs des Smart City Netzwerks. 2018 wurde sie in einem Pitch den Staatssekretär:innen der Berliner Senatsverwaltungen vorgestellt und ausgewählt. Und Ende 2020 startete dann die von der Senatskanzlei Berlin finanzierte Konzeptphase. Verschiedene Berliner Schulen bewarben sich für das Projekt. Die Wahl fiel schließlich auf das Oberstufenzentrum Gastgewerbe (Brillat-Savarin-Schule, OSZ Gastgewerbe) in Berlin-Weißensee. 

Mehr über das Projekt „Smarte Schule“ erzählen Birgit Kahland, Vorstandsmitglied des InfraLab Berlin e. V. und Anna Brüning-Pfeiffer vom Unternehmensbereich Consulting der Berliner Energieagentur GmbH (BEA). 

Frau Kahland, warum wurde die Brillat-Savarin-Schule als künftiger „Lernort mit Vorbildcharakter“ für das Projekt „Smarte Schule“ ausgewählt? 

Birgit Kahland: Das hat mehrere Gründe: Das OSZ Gastgewerbe (Brillat-Savarin-Schule) wurde ausgewählt, weil es bereits sehr viele Projekte im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit realisiert hat und auf gutes Grundwissen zurückgreifen kann. Außerdem ist die Schule bereits sehr fortgeschritten im Bereich Digitalisierung. So nutzt sie die schul.cloud und hatte bereits vor der Pandemie Teile des Unterrichts stärker digital ausgerichtet. Die OSZ Gastgewerbe hat darüber hinaus sehr engagierte Ansprechpersonen, die das Projekt kohärent unterstützen und umsetzen, was ein wichtiger Faktor für erfolgreiche Projekte im Schulbereich ist. Auch können die Schüler:innen und Auszubildenden ihr erworbenes Wissen und Handeln zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit als Multiplikator:innen in ihre Betriebe  – Berliner Hotels, Restaurants etc. – weitertragen. 

Anna Brüning-Pfeiffer: Ein weiteres Entscheidungskriterium war, dass das Gastgewerbe eine sehr wichtige Branche in Berlin ist und gleichzeitig im letzten Jahr stark von den negativen Auswirkungen der COVID-19 Krise betroffen war. Die Auszubildenden sahen sich mit Zukunftsängsten konfrontiert und die Zahl der Bewerbungen und Ausbildungsmöglichkeiten ist während der Pandemie zurückgegangen. Die Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz ist eine gute Investition, um die Branche auch in Zukunft attraktiv zu machen – für Auszubildende und Touristen, die nach Berlin kommen. 

Welche Bausteine umfasste das Projekt? 

Anna Brüning-Pfeiffer: Zwei Projekt-Teams – zum einen Schüler:innen bzw. Auszubildende aus dem Hotelfach, zum anderen Lehrer:innen und Externe – haben innerhalb eines Design-Thinking-Workshops insgesamt vier Ideen entwickelt, sogenannte Prototypen, die in das Gesamtkonzept der smarten Schule eingeflossen sind. 

Und welche Ideen kamen dabei heraus? 

Birgit Kahland: Die Schüler:innen und Auszubildenden hatten die Idee, den Schulgarten mit digitalen Elementen als Teil des Unterrichts zu erweitern: mit saisonalem und regionalem Ansatz, einem wöchentlichem „Green-Day", einem Zero-Waste-Konzept und einer nachhaltigen Regenwasser-Nutzung. An den Pflanzen sollen Schilder mit QR-Codes angebracht werden. Beim Einscannen mit dem Smartphone können Interessierte erfahren, um welche Pflanze es sich handelt und passende Rezeptideen werden vorgeschlagen. Ein weiterer Vorschlag war die „Green Canteen“ mit dem „Meatless Monday“: die Einführung eines vegetarischen Montags in der Schulmensa. Das Essen in der Mensa soll außerdem mithilfe von Smartphones vorbestellt werden können, um der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. 

Anna Brüning-Pfeiffer: Die Lehrer:innen und Externe entwickelten den Ansatz des „Chill out and learn“: Hier geht es darum, Arbeitsinseln für kleine und größere Gruppen im Außenbereich mit digitalen Elementen wie Solarmöbeln zu schaffen. Aktuell finden die Schüler:innen am OSZ Gastgewerbe keine geeigneten Arbeitsorte außerhalb der Unterrichtsräume vor. Bäume in Pflanzkübeln sollen Schatten spenden und trotzdem die Solarmöbel nicht verschatten.  Bislang ungenutzte und brachliegende Flächen an der Schule sollen belebt werden – zum Beispiel im Innenhof und auf der Terrasse vor der Bibliothek. Eine weitere Idee war das „Chill in – in deiner Schule“. Angedacht sind Arbeitsmöglichkeiten in der Bibliothek der Schule, die bislang aufgrund eines eingeschränkten Zugangs nicht als Arbeitsort genutzt wird. Digitale Whiteboards sowie die räumliche Gestaltung von Lern- und Arbeitsinseln sollen das analoge Angebot künftig ergänzen und die Bibliothek als smarten Arbeitsort beleben. 

Und wie soll es mit diesen Ideen jetzt weitergehen?

Anna Brüning-Pfeiffer: Die Ideen sind in das bereits erwähnte Gesamtkonzept der Smarten Schule eingeflossen. Es umfasst 48 identifizierte Maßnahmen in den Bereichen: Gebäudehülle und Gebäudetechnik, IT-Schulausstattung, Lernkonzept/Bildungsauftrag und Schulumfeld. 30 Maßnahmen davon kann die Schule selbst umsetzen, bei 18 Maßnahmen wird externe finanzielle und koordinierende Unterstützung benötigt.

Was waren die besonderen Herausforderungen für das InfraLab und die BEA als Initiatoren des Projekts?

Birgit Kahland: Ursprünglich war es der Wunsch des InfraLabs, der Berliner Energieagentur und der Schule, den Design-Thinking-Workshop analog vor Ort in der OSZ Gastgewerbe stattfinden zu lassen. Doch pandemiebedingt musste der Workshop digital stattfinden.

Welches sind für Sie die Key Learnings des Projekts?

Anna Brüning-Pfeiffer: Grundsätzlich hat der Workshop auch digital wunderbar geklappt. Die Expert:innen aus unterschiedlichen Bereichen haben mit den Schüler:innen und Lehrer:innen richtig gut zusammengearbeitet. So konnten sich die Schüler:innen sehr effektiv das Wissen abholen, das sie brauchten. Design Thinking erwies sich als ein sehr gutes Tool, um ergebnisoffen innovative Lösungen zu entwickeln. Es wurde aber auch deutlich, dass der Prozess der Ideenfindung an jeder Schule ganz individuell stattfinden muss, da diese alle sehr unterschiedlich sind. Dementsprechend variieren die Lösungen – je nach Lage der Schule in der Stadt, dem Zustand des Gebäudes, bereits realisierten Aktivitäten im Nachhaltigkeitsbereich und den Bedürfnissen der Akteur:innen.

Wie reagierten die Schüler:innen und Lehrer:innen auf das Projekt? 

Birgit Kahland: Wir haben insgesamt ein sehr positives Feedback von den Schüler:innen und Lehrer:innen erhalten. Am besten gefiel den Beteiligten das direkte Gespräch mit den Expert:innen. Das OSZ Gastgewerbe hatte die Möglichkeit, alle Nachhaltigkeitsaktivitäten, die dort bereits stattgefunden haben, einmal zusammenzufassen und zu schauen, wo noch Verbesserungspotenziale liegen. Auch das Design Thinking wurde als Methode sehr gut angenommen. Hier besteht die Chance, diesen Prozess auch in weiteren interessierten Schulen anzuwenden.

Kommen wir zu den Next Steps: Klimaschutz und Klimaanpassung sind aktueller denn je. Wie geht es weiter mit der Smarten Schule?

Birgit Kahland: Am OSZ Gastgewerbe ist jetzt eine Task Force eingerichtet worden, bestehend aus Lehrer:innen und Schüler:innen, mit einer regelmäßig stattfindenden Planungswerkstatt zur Umsetzung der im Sachbericht definierten Maßnahmen. Die ersten Punkte wurden von der Schule bereits angegangen: etwa die Beantragung einer Bundesfreiwilligendienst-Stelle für die Bibliothek oder Gespräche mit dem Cafeteria-Pächter zum Umstellen des Einwegbechersystems auf ein Mehrwegbechersystem. Aber es gibt auch Maßnahmen, bei denen die Schule auf finanzielle Mittel angewiesen ist, denn aktuell machen die Lehrer:innen alles „ehrenamtlich“ oder versuchen, die Umsetzungsmaßnahmen in den Unterricht zu integrieren.  

Haben Sie als Expert:innen von den Schüler:innen lernen können und was hat Sie am meisten beeindruckt?

Anna Brüning-Pfeiffer: Am meisten beeindruckt hat uns, dass die Schüler:innen so engagiert und selbstbewusst am Design-Thinking-Prozess teilgenommen haben. Es waren ja zwei volle Tage im Zoom-Meeting. Da musste man schon Durchhaltevermögen haben. Man hat schnell gemerkt, dass die Schüler:innen die von den Design-Thinking-Coaches vorgestellten digitalen Tools schnell verstanden haben und auch direkt produktiv nutzen konnten.Und nicht zuletzt haben die Schüler:innen sehr zielstrebig richtig tolle Ideen entwickelt, die unmittelbar an ihr eigenes erlebten Schulumfeld anschließen. Sowohl der Smarte Schulgarten als auch die Green Canteen sind Ideen, die sich relativ unkompliziert umsetzen lassen und einen direkten als auch sichtbaren Nachhaltigkeitseffekt haben können. Wir Expert:innen tendierten dazu, eher in größeren, infrastrukturellen Konzepten zu denken – etwa an die Nutzung von Abwasserwärme oder die Solaranlage auf dem Dach. 

Ihr Gesamtfazit zum Projekt? 

Anna Brüning-Pfeiffer: Das Projekt war schön und lehrreich für alle. In relativ kurzer Zeit konnte ein unheimlich großes Wissen zusammengetragen werden. Wir konnten Lösungsideen gemeinsam MIT – und nicht nur FÜR die Schule entwickeln. Wir würden dies gern auch an anderen Schulen so weiterführen, da viele weitere Interesse bekundet haben. 

Birgit Kahland: Das OSZ Gastgewerbe hat das Bedürfnis zum Ausdruck gebracht, dass auch die Umsetzung der entwickelten Maßnahmen im Rahmen einen Anschlussprojekts finanziell unterstützt wird. Das große Engagement der Schule sollte belohnt werden. 
 

Weiterführende Informationen

www.klimamacher.berlin/smarte-schule

Sachbericht "Smarte Schule" als Download