Visualisierung der EnergyMap

Grafik: UdK Berlin

Wärmekataster für die gesamte Stadt: EnergyMap Berlin

Berlin will bis 2050 klimaneutral werden: 40 Prozent der Primärenergie wird derzeit für die Bewirtschaftung von Gebäuden verbraucht –  ein Großteil davon für's Heizen bzw. Kühlen. Wenn man diesen Verbrauch intelligent steuert, lässt sich viel Energie einsparen. Das Forschungsprojekt EnergyMap Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, den Wärmeverbrauch des gesamten Berliner Gebäudebestandes zu kartieren, um damit eine belastbare Planungsgrundlage für die Energiewende zu schaffen. Anne-Carolin Erbstößer von der Technologiestiftung Berlin sprach mit Dr.-Ing. Christoph Nytsch-Geusen, Professor am Institut für Architektur und Städtebau der Universität der Künste Berlin (UdK Berlin )und Jörg Zander vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich für das Vorhaben EnergyMap Berlin engagieren. Das Interview erschien ursprünglich im Blog der Technologiestiftung Berlin

Die „EnergyMap Berlin“ ist ein Projekt, das die Energieverbräuche von Berlin gebäudescharf auf einer Online-Plattform als ein sogenanntes Wärmekataster erfassen möchte. Was ist das Ziel dieses Projektes?

Die Datenlage der Energieverbräuche von Berliner Gebäuden ist bekanntermaßen dürftig oder schlecht aufbereitet. Das soll mit diesem Projekt geändert werden. Anders als bei anderen Plattformen sollen hier theoretische Berechnungswerte und reale Wärmeverbrauchswerte für alle Gebäude der ganzen Stadt transparent und vergleichbar vereint werden. Es soll eine valide Datenbasis in Form eines flächendeckenden gebäudescharfen Wärmekatasters entstehen, welche die Grundlage für eine strategische Stadt- und Klimaschutzplanung mit einem CO2-neutralen Gebäudebestand bildet.

Ein Kernstück von EnergyMap Berlin ist die Mierendorff-INSEL. Wir haben schon seit Jahren von Projekten zur Nachhaltigkeit in diesem Areal gehört, warum kommt jetzt dieses Projekt?

Die langjährige Projektarbeit im Quartier hat zu vielen erfolgreichen Vorhaben mit starker Bewohnerbeteiligung geführt, u.a. im Bereich Mobilität, bei der Klimafolgenanpassung. Wir sind als Bezirk aber auch steckengeblieben mit dem Vorhaben, möglichst viele Gebäudeeigentümer für energetische Sanierungen ihrer Häuser und die grundsätzliche Modernisierung der Wärmeversorgung im Quartier zu gewinnen. Wir haben lernen müssen, dass es dazu auch Instrumenten wie der eines Wärmekatasters und einer kommunalen Wärmeplanung bedarf, die nicht eben einfach zu schaffen sind. Mittlerweile kennen wir das Quartier aber auch sehr gut und wollen das Areal, für dessen ca. 600 Gebäude mit Unterstützung vieler Akteur:innen in EnergyMap zuerst ein Quartiers-Wärmekataster aufgebaut wird, als Labor und Blaupause für die gesamte Stadt Berlin nutzen, welche ca. 360.000 Gebäude umfasst.

Bei allen datengetriebenen Projekten, die Daten auf einer Plattform sammeln, gibt es ähnliche Hürden. Woher kommen die Daten, wer kümmert sich um die Pflege und wie ist der Datenschutz geregelt? Wie werden Sie diese Herausforderungen meistern?

Diese Fragen sind in der Tat entscheidend. Beim Zugang zu den Daten setzen wir auf ein Zusammenführen der verschiedenen, bereits jetzt öffentlichen oder in nächster Zeit zugänglich werdenden Datenquellen, auf die Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft und den Versorgern GASAG und Vattenfall Wärme, nicht zuletzt auf das Crowd Sourcing, also die Mitarbeit vieler Bewohner:innen und Mieter:innen, die bereit sind ihre anonymisierten Wärmeverbrauchsdaten beizusteuern. Dabei gilt es auch, größere Hürden zu meistern, etwa bei Daten zum Wärmebedarf von Gewerbegebäuden. Aber wir sind zuversichtlich. Auf der Mierendorff-INSEL kennen wir schon die realen Wärmeverbräuche von ca. 15 Prozent der Gebäude – und das vor Projektstart und bevor wir dort intensiv um die Datenbereitstellung geworben haben. EnergyMap Berlin ist außerdem so angelegt, dass wir mit Modellrechnungen die Lücken schließen bei den Gebäuden, zu denen uns keine echten Verbrauchsdaten vorliegen.

Letztendlich ist das Wärmekataster eine wachsende Datenbank, die dauerhaft gepflegt wird und in der regelmäßig reale Verbrauchsdaten wie berechnete Daten aktualisiert werden müssen.

Das alles ist herausfordernd, aber wir haben in unserem Projekt sechs volle Stellen und weitere Kapazitäten eingeplant, die die Expertise der Projektpartner ergänzen und „auf die Straße bringen“ werden. Datenschutz ist dabei eines der Aufgabenpakete, das sich durch das gesamt Projekt zieht; ohne ihn wird es kein Wärmekataster geben.

Das Projekt steht in den Startlöchern für eine BMWi-Förderung von über 1,6 Mio. Euro. Was war das ausschlaggebende Kriterium für die Förderung?

Zwei Punkte waren ausschlaggebend. Zum einen der innovative Ansatz, der allen Bürger:innen, Gebäudebesitzer:innen, Unternehmen und der öffentlichen Hand eine Beteiligung ermöglicht und einen Nutzen bringt. Zum anderen die technische Umsetzung, die darauf abzielt, sowohl modellierte Referenzdaten als auch echte Verbrauchsdaten bereitzustellen und diese sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

Viele Projekte wurden dank EU- oder Bundes-Förderungen verwirklicht. Leider wurden die meisten Projekte nach Ablauf des Förderzeitraumes nicht in den Regelbetrieb überführt. Ihre Förderung wird über 36 Monate laufen, was passiert danach?

Derzeit haben wir dafür schon einige Ideen entwickelt. Wir könnten uns zum Beispiel eine Übernahme der EnergyMap Berlin durch die öffentliche Hand vorstellen. Das könnte eventuell in Form einer digitalen Applikation erfolgen oder durch eine Verknüpfung mit dem Berliner Energieatlas. Auch denkbar wäre ein Dienstleister, der für die Stadt die Plattform betreibt. Im Laufe des Projektes werden wir zusammen mit unserem Expert:innenbeirat weitere Vorschläge für die Zukunft der EnergyMap Berlin ausarbeiten.