Prof. Dr. Florian Koch, HTW Berlin

Credit: Alexander Rentsch/HTW Berlin

„Smart City sollte als Methode verstanden werden“

Wie und unter welchen Rahmenbedingungen können sich Smart Cities nachhaltig entwickeln? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Prof. Dr. Florian Koch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin). Wir sprachen mit dem Experten für Immobilienwirtschaft, Smart Cities und Stadtentwicklung über seine aktuellen Projekte, nachhaltige Konzepte für urbane Räume und den Berliner Smart City Strategie-Prozess. 

Herr Prof. Koch, welche Zielsetzung verfolgen Sie mit Ihrer Forschung?

Es geht mir darum, zu verstehen, welche Rolle neue Technologien, aber auch Formen sozialer Innovationen, in der Stadtentwicklung spielen und welche positiven und negativen Effekte dadurch entstehen können. Aus einer normativen Perspektive heraus, stellt sich die Frage, inwieweit ein Smart- City-Ansatz zu einer nachhaltigen Entwicklung im Sinne der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (SDGs) beitragen kann. „Smart City“ ist somit kein Ziel der Stadtentwicklung, sondern sollte als Methode verstanden werden, die dabei hilft, Städte sozial und ökologisch nachhaltiger zu machen. 

Im Rahmen eines Projekts haben Sie 2019 Expert*innen-Interviews geführt, um die Rahmenbedingungen für erfolgreiche Smart-City-Projekte zu eruieren. Was kam dabei heraus?

Im Rahmen der Studie, die wir gemeinsam mit der Wirtschaftskanzlei Noerr durchgeführt haben, wurden Unternehmen und Stadtverwaltungen interviewt. Interessant war, dass die meisten der Befragten nicht die technologischen Aspekte als Herausforderung für Smart City-Projekte nannten, sondern rechtliche, ökonomische und soziale Punkte. 

Können Sie das konkretisieren? 

Es gibt in der Praxis bereits sehr viele Prototypen-Anwendungen von Smart City-Technologien, die oft auch schon gut funktionieren. Damit diese jedoch in großem Maßstab umgesetzt werden können, müssen die Rahmenbedingungen angepasst werden. Oft existieren beispielsweise noch nicht die entsprechenden rechtlichen Bestimmungen dafür oder die Frage der Finanzierung ist offen. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit Smart-City-Ansätzen – auch wenn oft nicht klar definiert ist, was sie eigentlich darunter verstehen. Das Themenspektrum reicht hier von Mobilität und Energie über Sicherheit und Quartiersentwicklung bis hin zum Thema E-Government. 

Berlin erarbeitet ja derzeit eine Smart City Strategie. Was halten Sie von dem Prozess? 

Berlin hat bereits im Jahr 2015 eine erste Smart City Strategie verabschiedet. Allerdings hat die Umsetzung nicht so funktioniert, wie eigentlich geplant. Insofern hoffe ich, dass mit der aktuellen Neuaufstellung auch neuer Schwung in die Smart-City-Debatte in Berlin kommt. Außerdem hat Berlin, ebenso wie andere deutsche Städte, eine Smart-City-Förderung des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat (BMI) erhalten. Das zeigt, dass das Thema nun auch auf Bundesebene stärker beachtet wird. 

Ein Eckpfeiler der Berliner Smart City Strategie ist ja die enge Einbindung der Stadtgesellschaft ...

Der Ansatz, viele unterschiedliche Akteure in die Erstellung der Smart City Strategie Berlin einzubeziehen, ist auf jeden Fall vielversprechend. Besonders wichtig finde ich – und das sollte im Prozess noch stärker berücksichtigt werden –  das Thema der Indikatoren: Wie kann gemessen werden, ob die Smart City Strategie erfolgreich ist? Welche Daten sind dafür verfügbar und wer bestimmt die jeweiligen Kenngrößen? Und wie erfolgt ein möglichst transparentes Monitoring der Smart City Strategie?

Werden die von Ihnen erforschten Rahmenbedingungen im Prozess der Berliner Strategie-Entwicklung erfüllt?

Die eigentlich spannende Aufgabe wird es sein, die Smart City Strategie später auch umzusetzen. Das heißt: Hierfür müssen entsprechende Regelungen teilweise erst noch geschaffen werden, Förderungen von Smart-City-Projekten längerfristig laufen und ein gesellschaftlicher Rückhalt aufgebaut werden. Die Berliner Smart City Strategie spricht all diese Punkte an. Letztlich bleibt jedoch abzuwarten, ob sich das in den nächsten Jahren auch umsetzen lässt. 

Was kann eine Stadt wie Berlin durch smarte und nachhaltige Entwicklung erreichen?

Ich denke, dass sich Stadtentwicklung stärker an den 17 SDGs, die die Vereinten Nationen 2015 verabschiedet haben, orientieren sollte. Die übergeordnete Intention der Agenda ist es, Synergien zwischen den einzelnen Nachhaltigkeitszielen zu finden. So können beispielsweise durch Maßnahmen für bessere Bildung, wie sie im SDG 4 vorgesehen sind, auch die in SDG 5 genannten Gleichstellungsziele und die Gesundheitsvorsorge (SDG 3) gefördert werden. Klimaschutzmaßnahmen im SDG 13, wie die Errichtung sogenannter Pocketparks, können zu einer höheren urbanen Lebensqualität führen, wie in SDG 11 angestrebt. Dies lässt sich in Zeiten von COVID-19 aktuell sehr gut beobachten. Bislang hinkt Berlin im Vergleich zu anderen Städten bei der Umsetzung der Sustainable Development Goals aber leider hinterher. 

Gibt es bereits Best-Practice-Beispiele in Berlin?

Ich finde die Entwicklungen auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel sehr spannend. Hier wird versucht, Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammenzudenken. Auch der EUREF-Campus Berlin ist ein Beispiel für zukunftsgerichtete Stadt- und Quartiersentwicklung. Und vielleicht gelingt so etwas ja auch rund um den Campus der HTW Berlin in Oberschöneweide.

In Treptow-Köpenick begleiten Sie ein Projekt wissenschaftlich, bei dem es um die Umsetzung der SDGs in dem Bezirk geht. Können Sie das Projekt kurz umreißen?

Der Bezirk erstellt gerade eine neue Nachhaltigkeitsstrategie und hat sich hierfür an den SDGs der Vereinten Nationen orientiert. Im Rahmen zweier Forschungsprojekte haben wir ein Monitoringsystem entwickelt, mit dem die Fortschritte des Bezirks hin zu mehr Nachhaltigkeit gemessen werden können. 

Welches waren dabei die „Key Learnings“?

Es hat sich gezeigt, dass es neben generellen Indikatoren zur Messung der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit in Treptow-Köpenick – wie den CO2-Emmissionen oder dem Anteil der Arbeitslosen – auch spezifische Indikatoren wie bedipielsweise der Anteil von Mikroplastik im Müggelsee oder die Nutzung von Lastenfahrrädern im Bezirk berücksichtigt werden sollten. Außerdem stellten wir fest, dass wir zur Messung von Nachhaltigkeit nicht nur öffentliche Statistiken benötigen, sondern auch andere Datenquellen. Daher ist für das Monitoringsystem die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, zum Beispiel mit Vereinen und Initiativen, sehr wichtig. 

Welche Probleme entstehen generell durch die weltweit zunehmende Urbanisierung?

Ich denke, dass die zunehmende Urbanisierung nicht nur als Problem gesehen werden sollte, sondern auch als Chance. Natürlich gibt es Herausforderungen, die durch die Urbanisierung entstehen: Wohnraum und Infrastrukturen müssen errichtet, Beschäftigungsmöglichkeiten kreiert und Mobilitätsangebote geschaffen werden. Und das alles vor dem Hintergrund des globalen Umwelt- und Klimawandels. Aber die zunehmende Urbanisierung bietet auch neue Möglichkeiten: Nachhaltige Verkehrskonzepte können nur in dicht besiedelten Gebieten funktionieren, der Flächenverbrauch pro Person ist in den Städten geringer und der Zugang zu Bildung und beruflicher Qualifikation ist in den urbanen Räumen leichter. Das heißt, für eine nachhaltige Entwicklung weltweit brauchen wir die Städte. Und wir sollten uns über neue, zukunftsfähige Konzepte der Stadtentwicklung viele Gedanken machen. (vdo)
 

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