Smart City Berlin, Digital

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Mitsprache per Mausklick

Berlin ist eine Stadt im Wandel. Wie die Smart City Berlin sich künftig weiterentwickeln wird, darüber bestimmen die Bürger*innen der Stadt zunehmen aktiv mit. Digitale Beteiligungsplattformen bieten der Zivilgesellschaft die Möglichkeit, Ideen, Erfahrungen und Meinungen in Forschungsprojekte und politische Prozesse einzubringen – in virtuellen Denklaboren ebenso wie vor Ort im Kiez. Ein Überblick.

Das Rathaus der Zukunft, es entsteht in Berlin. Gebaut werden soll es am Alexanderplatz – auf dem Areal des gemeinwohlorientierten Modellprojekts „Haus der Statistik“. Doch wie soll das Gebäude aussehen? Welche Werte wird es verkörpern? Und welche Möglichkeiten der Aktion und Interaktion wird es bieten? Darüber – und das ist das Ungewöhnliche an dem Projekt – können die Berliner*innen seit dem 18. Januar 2021 aktiv mitentscheiden. Per Mausklick können sie auf dem digitalen Beteiligungsportal www.stimmenaufknopfdruck.de noch bis zum 12. März anonym „ihre Stimme“ abgeben – als unkompliziert eingesprochene Audio-File.

Bewusst verfolgt die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen ins Leben gerufene digitale Partizipationsplattform dabei einen niedrigschwelligen Ansatz, um „vielfältige Impulse aus der Stadtgesellschaft aufzunehmen und so einen öffentlichen Ort zu schaffen“ – wie Senatsbaudirektorin und Staatssekretärin für Stadtentwicklung und Wohnen, Regula Lüscher, erläutert.

Der Ansatz scheint zu funktionieren, denn auf der Webseite kann man sich bereits die unterschiedlichsten Vorschläge anhören: Eine der Stimmen wünscht sich ein Gebäude mit einer mutigen Architektur: „ ... es soll ein Hochhaus sein, dass überwiegend aus Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen errichtet wird“. Eine andere „ein Rathaus auch als Ort zum Verweilen, an dem ich Neuigkeiten über die Entwicklung des Bezirks und der Stadt erfahren kann und mich - niedrigschwellig - auch einmischen kann.“  

Digitale Beteiligung macht demokratische Prozesse responsiver 

„Stimmen per Knopfdruck“ ist nur eines von vielen digitalen oder hybriden Beteiligungs-Projekten, die Berliner*innen in die Entwicklung von Stadtquartieren und Kiezen miteinbeziehen. Die Themen sind dabei ebenso divers wie die Metropole: Es geht um sicheres Radfahren in der Stadt, mobile Sharing-Angebote, die nachhaltige Gestaltung von Stadträumen im Kiez, Energieeffizienz im Wohnquartier oder politische Mitsprache. Um diese Entwicklung auch auf Verwaltungsseite zu beschleunigen und die Bürger*innen am Wandel der Stadt künftig stärker teilhaben zu lassen, brachte der Senat Ende Januar ein Konzept auf den Weg. Damit sollen die im Sommer 2019 bereits beschlossenen Leitlinien für die Partizipation der Stadtgesellschaft an Projekten und Prozessen der räumlichen Stadtentwicklung „zügig und bürgerfreundlich“ umgesetzt werden.

Partizipation in Form von Bürger*innenbeteiligung ist außerdem der Eckpfeiler der Berliner Smart City Strategie, die der Berliner Senat im Rahmen des Modellprojekts „Berlin lebenswert smart“ bis Ende 2022 gemeinsam mit der Stadtgesellschaft phasenweise über verschiedene Partizipationsformate auf den Weg bringen will. 

Der große Vorteil der Mitsprache über Internet, Smartphone oder Tablet liegt auf der Hand: „Digitale Beteiligung macht im Idealfall demokratische Prozesse responsiver und einfacher zu integrieren in den Alltag von Bürger*innen“, so Moritz Ritter, Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative Liquid Democracy, die sich dafür einsetzt, demokratische Prozesse durch mehr Mitbestimmung zu modernisieren. „Außerdem sind digitale Prozesse viel besser dokumentiert und die Ergebnisse besser nachvollziehbar. Das erhöht die Transparenz.“ Damit diese Vorteile zum Tragen kämen, so Ritter weiter, brauche es jedoch gut konzipierte Beteiligungsprozesse und offene Software-Plattformen – abseits von kommerziellen Sozialen Netzwerken. „Besonders erfolgreich ist digitale Beteiligung dort, wo sie mit analogen Elementen verbunden werden.“

Veränderungsprozesse in der Stadt transformativ begleiten

Die StadtManufaktur Berlin verbindet beides. Im Sommer 2020 ging die gemeinsame Initiative der Technischen Universität Berlin (TU Berlin), des Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin und des Einstein Center Digital Future offiziell an den Start. Anders als das CityLAB Berlin, das unterschiedlichste Akteur*innen in einem experimentellen Beteiligungsnetzwerk digital zusammenbringt, bündelt die StadtManufaktur ausschließlich TU-Projekte. „Es geht uns darum, vorhandene Transformationsprozesse in der Stadt wissenschaftlich zu unterstützen bzw. durch die Wissenschaft Prozesse auf den Weg zu bringen, um eine positive Veränderung innerhalb des Stadtraums zu bewirken“, erläutert Prof. Dr. Gabriele Wendorf, Wissenschaftliche Geschäftsführerin des ZTG.

Übergeordnete Zielsetzung der StadtManufaktur: Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sichtbar zu machen und sie in Projekten „auf die Straße“ zu bringen. Adressat*innen der StadtManufaktur sind Wissenschaftler*inenn, Bürger*innen, aber auch Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Kunst und Kultur. Kurz: die Berliner Zivilgesellschaft und die Wissenschaft im Gespräch auf Augenhöhe.

Die Projekte, die auf der digitalen Plattform unter dem Dach der StadtManufaktur in den vier Themenfeldern „Klimatische Resilienz“, „Energiewende“, „Zirkuläres Wirtschaften“ und „Transformationswissen“ zusammengefasst sind, verstehen sich als „Reallabore“: als urbane Experimentierräume, in denen Ideen entwickelt, ausprobiert, umgesetzt und wissenschaftlich begleitet werden können. Die Wissenschaftler*innen der TU Berlin arbeiten dabei gemeinsam mit den Akteur*innen der Stadtgesellschaft eng zusammen, die wiederum ihr Erfahrungs- und Praxiswissen einbringen; digitale und analoge Beteiligungsansätze sind eng miteinander verwoben. Eingebunden ist die Berliner StadtManufaktur außerdem in ein bundesweites Reallabor-Netzwerk – um Ergebnisse auch überregional nach außen tragen zu können. 

„Die Beteiligung, die wir andenken, reicht recht weit. Externe Akteur*innen können in den Projekten nicht nur mitsprechen, sondern Forschungsthemen auch mitformulieren“, sagt Dr.-Ing. Anja Steglich, Referentin für urbane Transformation und Transfer im Präsidium der TU Berlin. „Berlin ist grundsätzlich eine Stadt mit einer unglaublichen Wandlungsfähigkeit. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren bewiesen. In welche Richtung sich die Stadt entwickeln wird, hat viel damit zu tun, wie diese Transformation begleitet werden wird.“

Behutsame Ansprache der Akteur*innen

Eines der Reallabore, das in Berlin die Weichen in Richtung nachhaltiger Wandel stellen könnte, ist das seit 2016 laufende Projekt „Neue Mobilität Berlin“ (NMB). Auf der Charlottenburger Mierendorff-Insel und auf dem Klausenerplatz werden in diversen Teilprojekten exemplarisch die Mobilitätsbedürfnisse von Anwohner*innen erforscht. Es geht darum, gemeinsam neue Lösungsansätze für eine nachhaltige, lokale Mobilität zu entwickeln und die Lebensqualität im Kiez zu steigern.

Lokale Akteur*innen anzusprechen und sie in den Prozess aktiv mit einzubeziehen, erfordere allerdings viel Sensibilität, so die Erfahrung von Gabriele Wendorf. „Man muss sehr behutsam vorgehen und sich im Vorfeld die Interessenlage vor Ort genau vor Augen führen. Wenn es um Veränderungsprozesse in der Stadt geht, hilft es sehr, Vorgespräche zu führen – mit dem Bezirks- und dem Ordnungsamt, mit Mobilitäts- und Bürgerinitiativen und auch mit Gewerbetreibenden. Und es ist wichtig, ‚Verbündete’ zu suchen.“ Auf der Mierendorff-Insel beispielsweise suchte „Neue Mobilität Berlin“ nach Freiwilligen, die ihr Auto in ein Parkhaus umparkten, das sie umsonst nutzen durften. Dadurch wurde Parkraum frei, der im Rahmen des Projekts zur Steigerung der Aufenthaltsqualität im Kiez genutzt werden konnte. „Damit haben wir denjenigen, die gegen uns argumentieren wollten, von vornherein den Wind aus den Segeln genommen“, so Gabriele Wendorf. 

Ergebnisse sind bewusster und besser 

2019 wurde die StadtManufaktur gegründet – erste Resultate sprechen schon jetzt für den genutzten Ansatz, Bürger*innen in Projekte digital einzubinden und diesen Prozess mit analogen Elementen zu verbinden: „Die Ergebnisse sind besser, bewusster, geeigneter, krisensicherer. Sie sind die Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit“, sagt Anja Steglich. Welche Impulse die „Stimmen auf Knopfdruck“ am Alexanderplatz setzen werden, das wird sich spätestens in zehn Jahren zeigen: Dann nämlich soll das „Rathaus der Zukunft“ fertig sein. (vdo)
 

10 Berliner Beteiligungsplattformen (Auswahl)

BBBlockchain
Der Name verweist bereits darauf: BBBlockchain ist eine blockchain-basierte Partizipationsplattform. Das Forschungsprojekt des Einstein Center Digital Future untersucht, wie Blockchain-Technologien zur Teilhabe an der Stadtentwicklung genutzt werden können. Es geht um mehr Transparenz und Mitsprache bei Bauvorhaben. 

CityLAB Berlin
Das CityLAB Berlin versteht sich als Experimentierlabor für die Stadt der Zukunft. Ein Netzwerk aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Start-ups arbeitet hier gemeinsam an neuen Ideen für ein lebenswerteres Berlin. Es vereint Elemente aus Digitalwerkstatt, Co-Working und Veranstaltungsraum in seinen Räumen am Flughafen Tempelhof. 

Civocracy 
Civocracy stellt der öffentlichen Verwaltung eine modulare digitale Beteiligungs-Plattform zur Verfügung. Der Ansatz: sicherzustellen, dass Regierungen konstruktiv mit Bürger*innen zusammenzuarbeiten können, um die Gesellschaft besser zu machen. Das Team von Civocracy ist international aufgestellt, die Plattform wird bereits von Städten und Gemeinden weltweit genutzt.  

form follows you 
Die Beteiligungs-App des Unternehmens form follows you ermöglicht sämtlichen Akteur*innen, die in ein Bauvorhaben involviert sind, komplexe räumliche Planung von Bauvorhaben zu verstehen – von Planenden über Bauherr*innen bis hin zu Anwohner*innen. Sie schafft so eine Grundvoraussetzung für eine informierte Meinungsfindung und Planung.

KiezRadar
Die App ist ein Projekt des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS). Sie soll Bürger*innen künftig proaktiv und bedarfsgerecht über wichtige Ereignisse aus Politik und Verwaltung informieren. Damit soll Partizipation so einfach wie möglich gemacht werden. Nutzer*innen sind bereits in die Entwicklung der App eingebunden. Zusammen mit dem CityLAB Berlin sollen neue Konzepte der Bürger-Verwaltungs-Kommunikation erprobt werden.

Liquid Democracy 
Der gemeinnützige Verein setzt sich dafür ein, dass demokratische Prozesse auf allen Ebenen der Gesellschaft inklusiver und transparenter werden. Die von Liquid Democracy entwickelte freie Software Adhocracy und die damit verbundene Plattform adhocracy.plus ermöglichen eine gemeinsame Diskussion und Entscheidungsfindung auch über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg. Das Angebot richtet sich an Organisationen der Zivilgesellschaft wie NGOs, an Gewerkschaften, Kommunen und politische Parteien. 

mein berlin
Die Beteiligungsplattform des Landes Berlin bietet eine Übersicht über Projekte der Berliner Verwaltung. Zu zahlreiche Vorhaben können Bürger*innen ihre Ideen einbringen und sich so aktiv an der Gestaltung der Stadt beteiligen. Die Beiträge werden von den jeweiligen Projektverantwortlichen gesichtet und ausgewertet. Filtern lassen sich die Projekte nach Thema und Bezirk. 

SimRA: Sicherheit im Radverkehr 
SimRa ist ein Citizen-Science-Projekt der TU Berlin/Einstein Center Digital Future. Über eine App möchten die Forscher*innen die Sicherheit für Radfahrer*innen im Straßenverkehr erhöhen. Radler*innen kategorisieren im Anschluss an ihre Fahrten Gefahrensituationen, ergänzen Bemerkungen  und geben die Daten anonymisiert zum Upload frei. Die App zeichnet GPS-Daten der Fahrtrouten auf und nutzt Beschleunigungssensoren zum Erfassen von Gefahrensituationen. 

StadtManufaktur Berlin 
Die StadtManufaktur Berlin ist eine Initiative der TU Berlin, des Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) und des Einstein Center Digital Future. In den Projekten der StadtManufaktur arbeiten Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Stadtakteur*innen an zukunftsweisenden Lösungen für Berlin .

Stimmen auf Knopfdruck
Bis 2031 soll auf dem Areal des Modellprojekts „Haus der Statistik“ in Berlin Mitte ein „Rathaus der Zukunft“ entstehen“. Noch bis zum 12. Marz 2021 können Berliner*innen über die Beteiligungsplattform www.stimmenaufknopfdruck.de unkompliziert kurze Sprachnachrichten einstellen – und ihre Ideen zur Architektur, Interaktion, Zugänglichkeit sowie zu den Werten des künftigen Gebäudes partizipativ einbringen. Das Projekt will vielfältige Impulse aus der Stadtgesellschaft aufnehmen und so einen Ort für alle schaffen.