©Gerhard Kassner

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Dr. Philipp Bouteiller von der Tegel Projekt GmbH

Sobald der Flughafen Tegel geschlossen wird, soll dort ein Wohn-, Forschungs- und Industriepark entstehen, in dem Gründer, Studierende, Investoren, Industrielle, Künstler und Wissenschaftler zusammentreffen, um gemeinsam die Städte von morgen zu entwickeln – und in ihnen zu leben. Federführend ist Philipp Bouteiller, der 2012 die Geschäftsführung der Tegel Projekt GmbH übernommen hat. Er ist verantwortlich für das größte europäische Stadtentwicklungsprojekt der Zukunftsstadt: die Transformation des innerstädtischen Flughafens Tegel zu Europas zentralem Hub für Urban Technologies.

In Berlin Tegel ist eine Zukunftsstadt geplant – wie genau soll das aussehen und wie weit sind Sie bereits in der Entwicklung gekommen? Berlin TXL wird eines der spannendsten Projekte Europas. Es geht um die Frage: Wie wollen wir leben? Und wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wie können wir das Klima retten und die Folgen des Klimawandels abmildern? Wie können wir nachhaltig bauen und ressourcenschonend produzieren? Diese Fragestellungen werden im Forschungs- und Industriepark der Urban Tech Republic bearbeitet und dann gleich praktisch in unseren großen Pilot- und Experimentierräumen getestet. Dort wird auch ein neuer Urban Tech Campus für die Beuth Hochschule mit über 2.500 Studierenden entstehen, mit Platz für rund 1.000 Unternehmen und 20.000 zukunftssichere Arbeitsplätze. Und direkt angrenzend bietet das Schumacher Quartier mit seinen etwa 5.000 Wohnungen dann ein Zuhause für über 10.000 Menschen, mit Schulen, Kitas, Marktplätzen, bezahlbar, bunt, innovativ und nachhaltig. Dort gibt es kaum Autos, dafür jede Menge Grün, Radwege und einen spannenden Mix aus Leben und Arbeiten. Das werden zwei einzigartige Leuchtturmprojekte für die Zukunft der Stadt.

Tegel soll ein Wohn- und Wirtschaftsquartier werden, ähnlich wie das Silicon Valley in den USA. Bleibt dieses Gebiet dann aber auch erschwinglich für die Berliner?
Immobilienspekulation ist auf unseren landeseigenen Flächen ausgeschlossen. Die Flächen gehen direkt an die Nutzer, die dort Arbeitsplätze schaffen. Das gilt auch für die Wohnungen im Schumacher-Quartier: Hier werden vor allem städtische Wohnungsbaugesellschaften und gemeinwohlorientierte Unternehmen bauen, entsprechend wird ein großer Teil der Wohnungen sozial gefördert sein. Berlin TXL wird sozial gerechter, soziodemographisch bunter und gestalterisch viel besser als das Silicon Valley.

Es sind über 5.000 Wohnungen für mehr als 10.000 Menschen geplant, zusätzlich zu den 20.000 Arbeitsplätzen – Wohnraum, den die Stadt gerade jetzt dringend benötigt, und Flächen für Startups und High-Tech-Unternehmen. Steht denn der Startschuss für 2021 momentan noch?
Etwa sechs bis neun Monate nach Inbetriebnahme des BER können wir auf das Gelände. Nach dem heutigen Stand der Dinge wird das im Sommer 2021 sein – und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln!

Darüber hinaus ist geplant, den Berliner Clubs ein neues Zuhause zu bieten – ist das richtig? Könnte man sagen, Sie verschieben die ehemalige Berliner Mitte nach Tegel mit ihren Startups, Wohnungen, Cafés und Clubs…?
Mitte bleibt Mitte und in Berlin TXL wird etwas ganz Eigenes entstehen. Clubkultur und Subkultur sind nicht wirklich planbar. Aber man kann Möglichkeiten schaffen. Wir denken Kultur von Anfang an mit. Das ist wichtig, da wir uns vor allem an jüngere Menschen richten, die Raum und Freiheit brauchen, um sich wohl zu fühlen. Das ist ein Gefühl, das an manchen anderen Stellen der Stadt langsam verloren geht. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit den vielen Studierenden und Startups in der Urban Tech Republic genug kreatives Potential anziehen, um hier – jenseits der städtebaulichen Planungen – etwas Spannendes entstehen zu lassen.

Was ist heute die größte Herausforderung einer urbanen Stadt? Wachstum! Nicht nur hier, sondern weltweit. Wachstum bedeutet: mehr Menschen, mehr Verkehr, mehr Stress, Verdichtung des Wohnraums, höhere Belastung der Infrastrukturen. Städte sind durch den technologischen Fortschritt grundsätzlich sauberer und lebenswerter geworden, deshalb wollen immer mehr Menschen im Zentrum leben, dort wo viele andere Menschen sind. Die Folgen spüren wir ja auch hier in Berlin. Die Digitalisierung der Infrastrukturen, also das, was allgemein mit „Smart City“ bezeichnet wird, kann dabei helfen, diesen Druck etwas abzufedern, indem bestehende Infrastrukturen leistungsfähiger werden. Dort, wo neu geplant wird, kann man Fehler der Vergangenheit vermeiden. So richten wir unsere Planungen im Schumacher-Quartier nicht mehr am Auto aus, sondern am Menschen. Radfahrer und Fußgänger stehen im Zentrum, Spielstraßen, öffentlicher Raum, der von den Anwohnern selber gestaltet werden kann. Wir behalten das Regenwasser im Quartier, erzeugen viel Energie und speichern sie in den Autobatterien der Quartiersgaragen. Wir denken die Stadt zuerst vom öffentlichen Raum her, nicht von der Architektur, bauen mit nachhaltigen Materialien, machen im Vorfeld Klimasimulationen, und wir passen Pflanzen und Topographie so an, dass dies alles fit für die Zukunft ist.

Sie wurden Anfang dieses Jahres als einer der „Top 50 Most Impactful Smart Cities Leader“ ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Ihre künftige Arbeit?
Das hat mich natürlich sehr gefreut und ist Anerkennung der tollen Arbeit, die unser Team hier leistet. Wir haben in den letzten Jahren viel gelernt und die Auszeichnung ist für uns Ansporn, weiter um kluge Lösungen zu ringen und nicht wieder in den traditionellen Planertrott zu verfallen. Wichtig ist dabei, immer im globalen Austausch mit anderen Denkern und Planern zu bleiben, um frühzeitig neue Entwicklungen mitzubekommen und auch mit beeinflussen zu können. Da hat unsere Berliner Stimme jetzt etwas an Gewicht gewonnen.

Zu guter Letzt: Könnten Sie bitte folgenden Satz beenden: „Berlin ist smart, weil…  diese grüne, saubere, tolerante, kulturell aufregende und immer noch sehr bezahlbare Stadt seit der Wiedervereinigung so viele tolle Menschen angezogen hat und hier etwas ganz Einzigartiges entstanden ist. Da kann man nicht meckern – um es mit dem höchsten Lob des Berliners zu sagen. Und den Rest bekommen wir auch noch hin …

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