Raúl Rojas von der FU Berlin

Raúl Rojas ist Professor für Informatik an der Freien Universität Berlin und forscht seit vierzig Jahren zu Künstlicher Intelligenz (KI). International bekannt geworden ist der gebürtige Mexikaner durch seine fußballspielenden Roboter, die FU-Fighters. Momentan arbeitet Rojas an selbstfahrenden Autos, deren Prototypen den Namen „Spirit of Berlin“ tragen und die in Berlin zum Teil schon unterwegs sind. Wir haben den smarten Kopf zum Interview getroffen.

Roboter sollten Ihrer Ansicht nach in naher Zukunft das Steuer übernehmen, da sie bessere Fahrer als Menschen sind… Damit soll der Straßenverkehr sicherer werden?     Computer werden in Zukunft sicherer als ein Mensch fahren können. Diese Computer werden den Verkehr rundum mit Laser-Scannern und Videokameras überwachen. Außerdem werden die Autos über Funk miteinander kommunizieren. Der Computer ermüdet nicht und kann blitzschnell bremsen. Wie kann dann ein Mensch noch mithalten? Es wäre leicht den heutigen Verkehr mit Robotern zu bedienen, aber der Faktor Mensch ist hier das Problem. Bis die Rechner nicht gelernt haben, wie Menschen sich am Steuer verhalten und wie Passanten reagieren, kann man diese Roboterautos noch nicht in der Stadt einsetzen. Roboterautos werden zuerst die Autobahn erobern und nach vielen Jahren des Testens werden sie auch in den Städten zugelassen sein.

Langfristig wird der Verkehr damit viel sicherer, aber vor allem, wir werden weniger Autos haben. Das Auto verwandelt sich in ein Taxi und wir können mit weniger Autos, in Kombination mit dem öffentlichen Verkehr, die ganze Stadt bewegen.

Ein Roboter ist also intelligenter als der Mensch, der ihn gebaut hat…? Keineswegs. Künstliche Intelligenz heißt, Computern gewisse Fähigkeiten beizubringen, wie z. B. das Schachspielen. In diesem begrenzten Bereich sind dann Rechner den Menschen überlegen, aber nicht beim echten Verstehen und komplexen Argumentieren. Computer sind „idiot savants“. So wie eine Lokomotive viel mehr als ein Mensch tragen kann, oder ein Dampfhammer Metalle mit mehr Kraft umformen kann, so kann ein Computer in einem speziellen Bereich besser als ein Mensch sein, ohne, dass der Computer es selber weiß. Der Computer bleibt ein Instrument, eine Verlängerung von uns, eine „dumme“ Prothese.

Wie lange dauert es noch, bis Ihre Vision Wirklichkeit wird? Die ersten Prototypen sind bereits in den Städten unterwegs. Ab 2020 werden autonome Fahrzeuge für die Autobahn verkauft. Allerdings muss der Fahrer immer bereit sein jederzeit einzugreifen. Der praktische Nutzen ist hier noch gering. An dieser Stelle ist der Fortschritt noch im Schneckentempo unterwegs: Die Technologien sind zwar schon verfügbar bzw. werden es in Kürze sein, aber es fehlt der gesetzliche und soziale Kontext dafür. Wir reden also da noch über Jahrzehnte, da wir auch die Städte planerisch dafür umgestalten bzw. darauf vorbereiten müssen.

Tesla-Chef Elon Musk ist mit den groß angekündigten Roboterautos an seine Grenzen gestoßen… Es gab in der Vergangenheit einige – zum Teil schwerwiegende – Unfälle, nicht nur bei Tesla, sondern auch bei dem Fahrdienstleister Uber – sind Sie dennoch zuversichtlich? Tesla und Uber sind äußerst aggressiv ins Feld gegangen, ohne die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Man muss behutsam vorgehen, testen und immer wieder testen, aber so, dass keine Person in Gefahr gebracht wird. In Deutschland z. B. hat es keine solche Vorfälle gegeben. Hier sind die Firmen viel vorsichtiger, da sie ihr Image schützen müssen. Wenn man, wie bei Tesla und Uber, Jahr für Jahr nur Verluste einfährt, ist man nicht besonders ums Image bemüht, sondern ums Protzen.

Was müssen Hersteller tun, um solche Unfälle zu vermeiden? Einen Zeitplan haben, die notwendigen Sicherheitsstandards einhalten, um die Autos als Ganzes zu programmieren, sozusagen als Gesamtkunstwerk. Es ist z. B. absurd, dass die Unfälle von Tesla und Uber allein durch die Kombination der Information aus verschiedenen Sensoren hätten vermieden werden können.

Wie kann – oder muss – die Politik Künstliche Intelligenz nutzen? Und wo sollten Roboter nicht eingesetzt werden? Roboter wünsche ich mir nicht als Pfleger oder als vermeintliche „Bezugspersonen“, auch nicht als Ersatz für die Soldaten. Wenn bewaffnete Auseinandersetzungen an Maschinen delegiert werden, wird es einfach immer wieder dazu kommen oder bestehende Konflikte lassen sich leichter eskalieren. Computer können keine Verantwortung übernehmen, diese soll beim Mensch bleiben.

Die Politiker sollten keine KI nutzen, sie müssen sich eher Gedanken darüber machen, wie KI unsere Privatheit beeinflusst, welche Auswirkungen im Arbeitsmarkt daraus folgen und wie gesellschaftliche Isolierung entsteht. Sozialen Netzwerken stehe ich sehr kritisch gegenüber, da sie leider in vielen Fällen eher desinformieren als informieren.  

Wie viele Roboter leben bei Ihnen im Haushalt? Nur ein Staubsaugroboter, der eher als Kuriosität seine Runden dreht. Ich bin schneller mit dem Staubsauger, vielleicht 20 Mal schneller als der Roboter. Und man verbrennt auch einige Kalorien.

Sie leben seit den 80er Jahren in Berlin – was hat Sie hierhergeführt? Das Promotionsstudium und dann kam eine Projektstelle nach der anderen. Bevor man darüber nachdenkt, ist man schon zehn, zwölf Jahre hiergeblieben und hat eine wissenschaftliche Laufbahn in Deutschland aufgebaut. Ich habe für die Promotion Berlin gewählt, weil es aus der Ferne eine faszinierende Stadt zu sein schien. Und so war es dann auch.

Zu guter Letzt: Könnten Sie bitte folgenden Satz beenden: „Berlin ist smart, weil… es multikulti ist.