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Smart City Berlin, Rolf Mienkus, Inselprojekt

Rolf Mienkus vom Projekt „Die nachhaltige Mierendorff-Insel 2030“

Bereits seit 2013 entwickelt Rolf Mienkus die Vision „Die nachhaltige Mierendorff-Insel 2030“ und treibt deren Realisierung in der Smart City Berlin engagiert voran. Zunächst ehrenamtlich als Initiator des Unternehmernetzwerks „Verantwortungspartner-Region Berlin-Mierendorff-Insel“ (Bertelsmann-Stiftung), ab 2017 als Geschäftsführer der 2015 gegründeten insel-projekt.berlin UG. Aktuell fokussiert sich das Unternehmen auf die Umsetzung von Projekten wie „Deine Flotte 2020 – Neue Mobilität Berlin“ , „Stadtquartier 4.1“ und „Distribut-e – grüne Kiezlieferketten für die Stadt von morgen“. 

Herr Mienkus, das Projekt „Nachhaltige Mierendorff-Insel 2030“ (insel-projekt.berlin) verfolgt einen „Bottom-up“-Ansatz. Welche Rolle spielt Bürger*innenbeteiligung bei der Entwicklung der Stadt von morgen?

Bürger*innenbeteiligung ist für die Entwicklung der Stadt von morgen von essenzieller Bedeutung. Berlin, das seit der Bezirksgebietsreform von 2001 aus zwölf „Großstädten“ besteht und erst jetzt die dafür notwendigen Verwaltungsressourcen aufbaut, braucht für eine nachhaltige Zukunft unterstützend die Expertise und das Engagement der Bürger*innen in den Quartieren. Darüber hinaus sollte die stetig wachsende Zahl von Unternehmen, die Nachhaltigkeit in ihre DNA eingeschrieben haben. Und ihre Mitarbeiter*innen, die ja auch Bürger*innen Berlins sind, sollten daran beteiligt werden, unsere Stadt in die richtige Richtung zu bewegen.

Zielsetzung des Projekts Mierendorff-Insel ist es, ein Leuchtturmprojekt für vernetzte ökonomische, ökologische und soziale Stadtentwicklung zu werden. Was bedeutet das konkret? Und wo liegen für Sie die Herausforderungen?

Die Mierendorff-Insel bietet mit ihren Standortfaktoren und ihrer zentralen Lage in der Hauptstadt einen idealen Ort, um Nachhaltigkeitsprojekte konzentriert und konzertiert durchzuführen. Hier arbeiten wir seit 2013 daran, über den Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit, die Resilienz unserer Nachbarschaft zu stärken. Auch wenn immer mehr Menschen die Wichtigkeit von enkeltauglichem Verhalten erkennen, ist dies noch ein langer Weg. Alle zu erreichen und mitzunehmen, erfordert viel Idealismus und entsprechende Ressourcen, die wir dank unseres starken Netzwerks immer wieder akquirieren können. Einfacher wäre unsere Arbeit, wenn das Land Berlin die Mierendorff-Insel als einen transdisziplinären Experimentierraum für nachhaltige Stadtentwicklung definieren und die Beteiligung aller Senatsverwaltungen mit einbringen würde.

In Projekten wie „KiezFreund“ oder Aktionswochen zum Thema Neue Mobilität im Mierendorff-Kiez oder am Klausener Platz hat das Insel-Projekt neue Konzepte für zeitgemäße Formen der Mobilität wie Car-Sharing oder Lieferservices mit dem Lastenrad getestet. Welches waren Schlüsselergebnisse?

Knapp ein Drittel der Berliner Autobesitzer*innen hat laut Forschung unseres Projekts „Neue Mobilität Berlin“ nur eine niedrige objektive wie subjektive Abhängigkeit vom eigenen Pkw. Um ihnen den Schritt zur umweltfreundlicheren Fortbewegung zu erleichtern, führen wir stadtweite Erprobungskampagnen wie „Deine Flotte 2020“ durch oder beteiligen uns an lokalen, lastenradbezogenen Logistik-Projekten wie „Distribut-e“ oder „Stadtquartier 4.1“. Die dabei zur Verfügung gestellten Fortbewegungs- bzw. Transportalternativen machen die Mobilitätswende erlebbar. Sie sorgen dafür, dass immer mehr Menschen ihr Mobilitätsverhalten überdenken oder den eigenen Wagen abschaffen. Das lokale Gewerbe von quartiersbezogenem Lieferverkehr mit CO2-neutralen Fahrzeugen zu überzeugen, gelingt bereits im Forschungsmodus gut und muss „nur noch“ zum Regelfall gemacht werden. 

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Knackpunkte beim Aufbau einer nachhaltigen und smarten Infrastruktur im Kiez? Wo die Chancen?

Mehrere Jahre lang haben wir hier Pionierarbeit betrieben, die langsam Früchte zu tragen beginnt. Das Bewusstsein für nachhaltige Lebens- und Unternehmensführung ist stark gewachsen. Der Grad der Vernetzung nach innen und außen erhöht sich von Jahr zu Jahr. Als Enabler erweist sich immer wieder unser Ansatz, komplexe Prozesse begreifbar – bzw. wie im Falle der Mobilität  – „erfahrbar“ zu machen. Nur wenn die Menschen sich physisch mit der Materie auseinandersetzen, entsteht eine persönliche Beziehung zu den ansonsten häufig nur als akademisch wahrgenommenen Themen. In den kommenden Jahren werden wir wieder mehr Aktionen im öffentlichen Raum durchführen. Und auch sichtbare Leuchttürme der Kiezinfrastruktur schaffen, die Anknüpfungspunkte für weitere Nachhaltigkeitsprojekte bilden können.

Gibt es Best Practices, an denen Sie sich in Ihrer Arbeit als Geschäftsführer des Insel-Projekts orientieren?

Ich nehme natürlich viele Projekte und Tendenzen der Nachhaltigkeitsbewegung in Berlin, Deutschland und international wahr. Manchmal schaue ich auch neidvoll auf andere Städte, die sich schneller entwickeln. So ambitionierte, weil ganzheitliche Konzepte wie „Die nachhaltige Mierendorff-Insel 2030“, gibt es allerdings nicht viele. Wir lernen zwar von den Erfahrungen und Erkenntnissen anderer Projekte, betreten aber häufig auch Neuland. Wichtig ist mir daher die transdisziplinäre Vernetzung mit den anderen Treibern nachhaltiger Stadtentwicklung, um auch smart im Sinne von Effizienz zu sein. Nicht alle Fehler muss man selbst machen, wenn andere sie bereits gemacht haben – und davon berichten können und wollen.

Die Pandemie hat in diesem Jahr deutlich mehr Berliner*innen aufs Rad gebracht als in den Jahren zuvor. Unter welchen Voraussetzungen könnte dieser Trend auch nach Corona anhalten – weg vom Auto, hin zu Rad, ÖPNV und mehr Nachhaltigkeit?

Die Hälfte der Berliner Haushalte hat kein eigenes Auto, 75 Prozent besitzen aber private Fahrräder. Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Stadt ist meines Erachtens, ein darauf angepasstes Fahrradwegenetz bereitzustellen. Wenn die durch Corona forcierten Pop-up-Radwege eines beweisen, dann doch, dass der Bedarf dafür da ist. Und auch, dass das notwendige Verwaltungshandeln deutlich schneller machbar ist, als man es bisher gewohnt war. Allerdings sollte nach Jahrzehnten des Pkw-fokussierten Verkehrs nicht in das komplett andere Extrem verfallen werden. Solange es ein Multitool wie das Auto gibt, organisieren nur Enthusiasten sämtliche Fahrten mit einem (Lasten-)Fahrrad. Wir brauchen einen zeitgemäßen Mix aus Carsharing-, Scooter-, Bike-Sharing und ÖPNV, um die andere Hälfte der Hauptstädter*innen vom eigenen Auto abzubringen und so die von uns allen gewollte Mobilitätswende gestemmt zu bekommen.

Welche Projekte unterstützt die „Nachhaltige Mierendorff-Insel 2030“? Anders gefragt: Wer kann zu Ihnen kommen und mitmachen?  

Unser Fokus liegt auf unternehmerischem Handeln, so dass grundsätzlich alle zu uns kommen können, die sich für mehr Nachhaltigkeit der Wirtschaft auf der Mierendorff-Insel einsetzen wollen. Wenn wir einen Anknüpfungspunkt mit unseren Themen entdecken, lässt sich ein gemeinsames Projekt entwickeln. Oder wir vernetzen die Person zumindest mit einem unserer vielen Partner – hier oder anderen Teilen Berlins. 

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft aus?

Mein Wunsch wäre eine Stadt, die sich repräsentativ entwickelt und nicht gemäß der jeweils lautesten Partikularinteressen. Der dafür notwendige Rahmen erfordert direktere Verbindungen zwischen allen Stakeholder*innen, besonders aber zwischen der Gesellschaft und der Verwaltung.

Könnten Sie bitte folgenden Satz beenden: „Berlin ist smart, weil …“ 

…  es Sustainable-Economy-Hochburg + Sharing-Mobility-Hauptstadt ist. (vdo)